GL | Der rote Faden

Der rote Faden der Rechtschreibung hat einen Namen: PROSODIE.

PROSODIE - Der rote Faden der Rechtschreibung | Grafik: Barbara Heuberger, Tübinger Orthografie-Programm

Was das ist, klärt eine Scherzfrage:

Welcher Artikel passt:
Ο  der Kulifumdenteich?   [kʊlɪˈfʊmdəntaɪç]
Ο  die  Kulifumdenteich?
Ο  das Kulifumdenteich?

Die naheliegendste Antwort „der Kulifumdenteich“ ist natürlich die falsche, während die richtige Kopfschütteln auslöst. Typisch Scherzfrage!

Die Lösung: die  Kulifumdenteich! Dazu muss man aber wissen, dass die Prosodie ins Stolpern geraten ist, wobei das Lautgebilde einige Knitterfalten abbekommen hat. Frisch gebügelt heißt es nämlich:
Die Kuh lief um den Teich.

Prosodie – das „Hinzugesungene“ verleiht jeder Sprache ihren unverwechselbaren „Sound“, ihre Sprachmelodie und ihren Rhythmus. Menschliche Sprache klingt niemals „blutleer“. Sogar die Stimme in meinem Navi spricht fließend prosodisch. Ansonsten würde ich sie nämlich nicht verstehen und wahrscheinlich im Kulifumdenteich landen.

Das Wiegenlied der Prosodie
Bekanntlich haben wir bereits im Mutterleib mit dem Lernen angefangen. Schon damals war die Prosodie Hauptfach. Unsere Mütter prägten uns, sofern sie Deutsch sprachen, die Prosodie der deutschen Sprache auf. Sie ließen uns sozusagen in einer trochäischen Ursuppe schwimmen: Mama, Papa, Oma, Opa, Hunger, essen, schlafen, müde … Wissenschaftler haben die Reaktionen Neugeborener kurz nach deren Geburt erforscht. Fazit: Babys erkennen das prosodische Muster „ihrer“ Sprache und können es von anderen prosodischen Mustern unterscheiden.

Pro-so-die und die Betonungshand des Tübinger Orthografie-Programms | Grafik: Barbara HeubergerWas hat Prosodie mit Rechtschreibung zu tun?
Lassen wir das Wort selbst zu Wort kommen. Wir lesen beim Lesen niemals Einzelbuchstaben (P-R-O-S-O-D-I-E), sondern Silben. Prosodie hat drei: Pro-so-die. Die letzte hat einen orthografischen Marker, das -ie-. Damit hat sie Anspruch auf den Wortakzent, wie es ihn in jedem Wort geben muss.

Geübte Leser finden den Wortakzent, die betonte Silbe, auf einen Blick und im Bruchteil einer Sekunde, da sie mit den orthografischen Markern der deutschen Sprache vertraut sind.

Rechtschreibung als prosodischer Code
Sehr praktisch: Wenn orthografische Marker nur in betonten Silben zu finden sind, lösen sich viele Rechtschreibprobleme von selbst. Dass z.B. die El-le einen Marker hat, kann den E-le-men-ten egal sein. Ihre betonte Silbe ist an anderer Stelle.
Von hinten gezählt ist es allerdings die gleiche Silbenposition. Betont wird immer die vorletzte. Das hat mit der trochäischen Ursuppe zu tun. Die deutsche Sprache kommt als Zweitakter daher, betont – unbetont: ᴗ–, oder mit Auftakt(en): –ᴗ–, ––ᴗ–, –––ᴗ– …

Kap-pe | Ka-pel-le
Gal-le | Ga-le-ri-en
Locke | Lo-ko-mo-ti-ve

Fällt von ungefähr ein fremdes Wort in den Brunnen einer Sprache, so wird es solange darin umgetrieben, bis es ihre Farbe annimmt und seiner fremden Art zum Trotze wie ein heimisches aussieht.

Jacob Grimm (1785 – 1863), deutscher Sprach- und Literaturwissenschaftler

Schreibe wie du sprichst!
Leider ist diese Ansage sehr umstritten, steht sie doch für eine Didaktik, die jenseits prosodischer Gesätzmäßigkeiten versucht, Kindern die Prinzipien der Schriftsprache nahezubringen. Schwimmen lernen ohne Wasser; wer irgendwann doch hinein muss, geht unter.

Aber nehmen wir den Satz doch mal ganz wörtlich! Wie sprechen wir denn? – Prosodisch! Wir können gar nicht anders. Auch Erstklässler beherrschen die Prosodie. Der Schritt vom prosodischen Sprechen zum prosodischen Schreiben bedeutet, das Kind da abzuholen, wo es steht. Dieser Schritt gelingt leicht, wenn er nicht auf Um- oder Irrwege wie die Laut-Buchstabenmethode Lesen durch Schreiben gerät.

Rechtschreibung ist eine Lesehilfe
Wer schreibt, kodiert eine Botschaft in Buchstabenketten. Wenn er möchte, dass seine Botschaft verstanden wird, tut er gut daran, den prosodischen Code der Rechtschreibung zu benutzen, denn die macht dem Leser die Dekodierung leicht. Kennt der Schreiber diesen Code nicht, wird er Kulifumdenteiche produzieren. Das mag amüsant sein, aber die eigentliche Botschaft gerät dabei ins Abseits.

Rechtschreibung ist weder Luxus noch Selbstzweck. Sie hat eine Funktion für den Leser. Rechtschreibung ist eine Lesehilfe. Der rote Faden der Rechtschreibung liegt in der Prosodie der gesprochenen Sprache.

 


Barbara Heuberger | Lizenzversion CC-BY-SA


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