ZLG | Die Sanduhr

„Dreh‘ doch mal die Sanduhr um vom Präsens ins Präteritum!“
In der TOP-Verbengeschichte treten Vera und Benni (Ver-ben) mithilfe einer verzauberten Sanduhr eine Zeitreise in die Vergangenheit an. 

Heute ist für Vera und Benni der letzte Ferientag. Wie schnell die Wochen vergehen können, besonders bei Opa Anton auf dem Land! Langeweile gibt es hier nie. Auch nicht, wenn es regnet, so wie heute. Dann verschwinden Vera und Benni nämlich auf Opa Antons Dachboden.

Mama und Papa können das nicht verstehen. Sie meinen, hier gäbe es nur Gerümpel, Staub und Spinnweben. Aber das stimmt nicht. Opas Dachboden ist der wunderbarste Dachboden der Welt, ein Ort voller Schätze, Geschichten und Geheimnisse. Hier flüstern die Geister miteinander, und die stickige Luft ist voller Zauberkraft.

„Vera, stell dir mal vor, die Geister reden nicht mehr mit uns, wenn wir groß sind.“ Benni macht ein sorgenvolles Gesicht. Aber Vera mag so etwas gar nicht denken.
„Quatsch, die kennen uns doch! Mensch, Benni, guck mal, lauter alte Fotos! Das da ist bestimmt Opa Anton. So hat der ausgesehen, als die Geister noch mit ihm geredet haben. Und hier – nanu, was soll das denn sein? Eine Sanduhr! Komisch!“

Besonders hell ist es nicht an diesem regnerischen Tag auf dem Dachboden. Und so ist es fast ein Wunder, dass die Kinder den Zettel bemerken, der auf der Oberseite der Sanduhr klebt. Die Schrift ist verblasst, unleserlich. Aber irgendetwas hat sich von dem vergilbten Zettel gelöst. Ein leises gleichmäßiges Geräusch erfüllt den ganzen Raum. Das Ticken einer Uhr? Nein! Worte sind es, ein rhythmisches Flüstern, Wispern, Tuscheln:
„Uhr“ … „Zeit“ … „dreh“ …„geh“ … „Vergangenheit“…
Immer und immer wieder die gleichen Worte. Sie scheinen aus allen Richtungen zu kommen, verbinden sich wie in einem Tanz miteinander, lösen sich wieder auf und finden sich aufs Neue, bis sie sich in einem magischen Höhepunkt ein letztes Mal verbinden:

„Dreh um die Uhr, dreh um die Zeit  
und geh in die Vergangenheit!“

Als Erste findet Vera ihre Sprache wieder: „Benni, hast du das auch gehört? Kam das von der Sanduhr? Kann das Ding zaubern? Mensch, Benni, ist das etwa eine Zeitmaschine? Du, was passiert, wenn wir die umdrehen?
Soll ich …?“

Nein, eigentlich will Benni erst einmal in Ruhe über alles nachdenken. Aber dazu kommt er nicht, denn im nächsten Augenblick dreht sich alles um ihn herum. Er will sich festhalten, doch es gibt nichts, was er ergreifen könnte. Selbst der Boden unter seinen Füßen scheint verschwunden zu sein. Alles geht viel zu schnell, als dass er auch nur einen einzigen klaren Gedanken fassen könnte. Und plötzlich steht er mit einem Ruck wieder auf sicherem Boden. Aber das ist nicht Opa Antons Dachboden!  

„Wo sind wir? Wer sind die vielen Kinder? Benni, ein altes Klassenzimmer! Kenn ich aber doch! Mensch, Benni, klar: von dem alten Foto! Du, wir sind in einem alten Foto gelandet!“  In Veras Stimme mischt sich ein wenig Angst mit sehr viel Neugier. „Sind wir jetzt auch aus Papier?“

Ein merkwürdiger Gedanke! Während Benni noch überlegt, woran man das erkennen könnte, kneift Vera ihn so fest in den Arm, dass er beinahe aufschreit.
„Nein, Vera, ich glaub, wir sind echt. Und die da sind auch alle echt.“

Die da – das sind ungefähr vierzig Kinder, die kerzengerade auf alten Holzbänken sitzen. Alle sehen nach vorne zum Lehrer, der dauernd mit einem Zeigestock herumfuchtelt. Besonders freundlich sieht er nicht aus! Und wie er mit den Kindern redet, das hört sich fast wie ein Bellen an:

„Woll’n wir doch mal seh’n, wer seine Hausaufgaben ordentlich gemacht hat! Frieder, wie heißen die Zeitformen von nehmen?“ Ein Junge in der zweiten Reihe stellt sich neben seine Bank und rattert wie am Schnürchen die Antwort herunter: „Nehmen – nahm – genommen.“
„Gut, setzen!“, bellt ihm das Lehrerlob entgegen. „Heiner, nenne die Zeitformen von schneiden!“ Auch Heiner bekommt für seine Antwort ein „Gut, setzen!“, ebenso Oskar, Achim und Fritz.

Und dann wird Anton aufgerufen. Anton sitzt in der letzten Reihe, und als Vera und Benni zu ihm hinsehen, wissen sie es sofort: Das ist der Junge, den sie schon auf vielen Fotos gesehen haben. Das ist ihr Opa Anton. 

Davon weiß der bellende Lehrer freilich nichts. Den Schüler Anton hat er aufgerufen, und der steht nun klein und blass neben seiner Bank und stottert. Ausgerechnet die Zeitformen von erschrecken soll er aufsagen, aber er verheddert sich in einem einzigen Durcheinander:
„Erschrecken, erschreckte, nein, erschrackte, nein äh, erschrockte, oder nein, erschrucken …?“

Die Stimme des Lehrers verwandelt sich in ein gefährliches Knurren, als er mit seinem Zeigestock langsam auf Anton zugeht. Aber auch Vera und Benni haben sich zu Anton aufgemacht. Blitzschnell flüstern sie ihm zu:
„Erschrecken, erschrak, erschrocken!“ Da huscht ein Lächeln über Antons Gesicht. Noch bevor der Lehrer ihn erreicht, richtet er sich kerzengerade auf und ruft mit klarer Stimme die richtige Antwort.

Augenblicklich verstummt das Knurren, und auf dem erstaunten Lehrergesicht ist für einen kurzen Augenblick so etwas wie ein Lächeln zu sehen.  
„Soso, das war jetzt wohl ein Geistesblitz“, bellt er.
„Aber verlass dich lieber nicht darauf, dass die Geister dir immer beistehen werden! Setzen!“

Die Geister! Vera und Benni müssen unwillkürlich an den Dachboden denken, von dem sie aufgebrochen sind. Und an die Sanduhr. Die hat Vera die ganze Zeit fest umklammert, ohne es zu merken. Inzwischen ist das obere Glas fast leer und das untere fast voll.
„Guck mal, Benni, die Vergangenheit ist fast alle. Was machen wir, wenn der Rest auch noch weg ist? Müssen wir dann für immer in dem Foto bleiben? Mensch, Benni, ich will lieber wieder in die Gegenwart zurück! Du, ich dreh einfach …“.

Und wieder geht alles ganz schnell. Nach einem Augenblick ohne festen Boden stehen Vera und Benni wieder an der selben Stelle von Opas Dachboden, von der sie aufgebrochen sind.

„Na, seid ihr hungrig?“ Die vertraute Stimme von Opa Anton lässt beide Kinder zusammenzucken.
„Opa Anton, jetzt sind wir aber sehr erschrickt!“
„Erschrocken!“, verbessert Opa Anton, und mit einem Lächeln fügt er hinzu: „Erschrecken, erschrak, erschrocken!“

 

Reim & CO

Der Satz