GL | Betonen

Hölderlinhaus Tübingen, Foto: Barbara Heuberger, Tübinger Orthografie-Programm

Die Silbenhand

Die linke Hand ist die Silben- oder Betonungshand. Sie zeigt vom kleinen Finger, Ringfinger und Mittelfinger nur die Grundgelenke, sowie Zeigefinger und Daumen als ungleiches Paar.

Silbenhand mit zwei Silbentypen | Bild: Barbara HeubergerDie Zahl 2

Auf den ersten Blick scheint die Silbenhand „nur“ eine Zwei anzuzeigen. Dahinter verbirgt sich allerdings ein kleines Universum, nämlich das Strukturfundament des gesamten deutschen Wortschatzes.

Mit „deutsch“ sind nicht alle Wörter gemeint, die im deutschen Wörterbuch stehen, sondern alle ursprünglich deutschen oder „nativen“ Wörter. Denn sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind zweisilbig-trochäisch, also betont – unbetont. Das ungleiche Fingerpaar könnte es nicht besser zum Ausdruck bringen.

Betonung

„Alle Wörter folgen einem immer gleichen Muster.“ Das ist ein Satz mit lauter trochäischen Wörtern. Spontan sprechen wir ihn so:

Alle Wörter folgen einem immer gleichen Muster.

Die Franzosen würden die Betonung kurzerhand umdrehen, denn sie sprechen nicht trochäisch, sondern jambisch und das klingt dann so:

Allee Wörteer folgeen eineem immeer gleicheen Musteer.

Und ein sprechender Roboter, der nichts von Jamben und Trochäen weiß, macht gar keine Unterschiede. Eine blutleere Sprache … Stell dir mal eine Liebeserklärung von einem Roboter vor!

Prosodie

ist das „Hinzugesungene“ beim Sprechen (aus altgriechisch prosōdía). Jede Sprache „singt“ auf ihre Weise.
Prosodie zeigt sich deshalb auch in der Verschriftung. Rechtschreibung liefert den Code für die Prosodie unserer Sprache. Dazu kannst du in diesem Blog viele Belege finden.

Die Silbenhierarchie

Die Silbenhand ist ein prosodisches Modell der Rechtschreibung. Silben sind nicht gleichwertig. Im trochäischen Wort ist die erste Silbe betont und hat einen Vollvokal. Der kann lang oder kurz sein. Dehnung und Schärfung sind ausschließlich ein Vorrecht der Zeigefingersilbe.

Die Daumensilbe ist unbetont und hat immer ein E. Allerdings kann man es nicht hören. Man muss es wissen. Dieses E ist nämlich ein Reduktionsvokal, das sogenannte Schwa (hebräisch für das Nichts).

Silbenhand mit drei Silbentypen | Bild: Barbara HeubergerDrei Silbentypen

Außerhalb des nativen Wortschatzes treffen wir auf einen dritten Silbentyp, die unbetonte Vollsilbe. Dieser Silbentyp hat immer einen kurz gesprochenen Vollvokal, der jedoch ohne Schärfung auskommt.
Schärfung ist ausschließlich der Zeigefingersilbe vorbehalten. Unbetonte Vollvokale sind von Haus aus kurz. Schärfung stört hier nur, denn sie würde das Betonungsmuster entstellen.

Eine Übung zum Schluss

Die folgenden Wortpaare haben verschiedene Betonungsmuster. Das erste Wort ist aber immer ein Trochäus. Versuche mal, die Wörter in die Silbenhand „einzutippen“.

Kan-ne und Ka-no-ne
tap-pen und Ta-pe-te
Lat-te und La-ter-ne
Spat-zen und spa-zie-ren
Loc-ke und Lo-ko-mo-ti-ve
El-le und E-le-ment

 


Barbara Heuberger | Lizenzversion CC-BY-SA


 

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