GL | Intuition und Sprachgefühl

Sprache ist von Natur aus ein auditives Phänomen. Sie ermöglicht uns die direkte Kommunikation mit unserer sozialen Umwelt. So wichtig der Dialog ist, so begrenzt ist jedoch dessen Reichweite. Wer in einer komplexen Informationsgesellschaft wie der unseren „mitreden“ will, muss über das Sprechen hinaus lernen, Sprache in einen Zeichencode zu übertragen – und umgekehrt – einen Zeichencode in Wörter zu übersetzen. Er muss lesen und schreiben lernen.

Der Zeichencode unserer Schriftsprache übersetzt aber nicht nur Lautfolgen eins zu eins in Buchstabenfolgen. Er bildet auch die prosodischen Parameter der gesprochenen Sprache präzise ab. Die Betonung spielt in der Rechtschreibung eine übergeordnete Rolle. Die betonte Silbe eines Wortes ist Sitz der Rechtschreibregeln, und diese sind ihrerseits prosodisch begründet.

In Lautschrift haben Wörter neben den Lautzeichen auch diakritische Zeichen, die die Qualität einzelner Laute oder Lautfolgen visuell darstellen. Diakritika kennzeichnen die betonte Silbe, die Länge des betonten Vokals uvm. Eine Lautfolge wie [ʒeni] erhält erst durch Diakritika den richtigen „Sound“, der die Wortbedeutung erkennen lässt: [ʒeˈniː]. Den vier Lauten dieses Beispiels sind im Schriftcode fünf Buchstaben zugeordnet (GENIE), da ein regelrelevanter prosodischer Aspekt mit von der Partie ist. Regeln und Prosodie gehören zusammen wie die beiden Seiten einer Medaille.

Das „wissen“ gute Rechtschreiber intuitiv. Sie orientieren sich an den prosodischen Mustern und deren orthografischen Codes, die sie, einmal gelernt, auf andere Wörter mit gleichem Muster übertragen. Sie besitzen das, was wir „Sprachgefühl“ nennen. Die Arbeit mit der RE-Form rundet ihre präzise auditive Wahrnehmung visuell ab.

Häufig wenden Lehrkräfte ein, dass eben nicht alle Kinder mit solchen Fähigkeiten gesegnet sind. Ich kann mich dieser Einschätzung nicht anschließen. Den Klang der Sprache beherrschen gute wie schlechte Rechtschreiber gleichermaßen. Kindliche Lautäußerungen sind niemals roboterhaft-monoton. Alle Emotionalität bringen Kinder prosodisch zum Ausdruck, und sie sind darin wahre Meister. Kinder lieben es, mit den klanglichen Qualitäten der Sprache zu experimentieren. Nonsens-Sprache, die die Wortbedeutung auf den Kopf stellt, indem sie mit Reim, Rhythmus und Betonung spielt, ist ein wesentlicher Teil kindlicher Kultur.

Zu welchen außerordentlichen sprachlichen Leistungen Kinder ferner in der Lage sind, beweisen uns Migrantenkinder. Sie bringen es fertig, in kürzester Zeit einen fremden Wortschatz weitgehend ohne die Hilfe der Erwachsenen akzentfrei und kommunikationsreif zu erlernen, einzig durch Hören, Nachahmen und Sprechen. Dabei übernehmen sie die idiomatischen und syntaktischen Muster ihrer Umwelt, so korrekt diese auch sein mögen. Im Vergleich zu meinen späten Versuchen, italienisch zu lernen, vollbringen sie wahre Meisterleistungen – und zwar mit links!

Geht es jedoch um die Verschriftung von Sprache, so sind gerade diese Kinder am häufigsten vom Scheitern bedroht. Wie ist das möglich?
Mit dem Erwerb der Schriftsprache tritt das kreativ-explorative Sprachverhalten in den Hintergrund, denn der klassische Lese- und Rechtschreibunterricht der Grundschule legt den Fokus früh auf das geschriebene Wort. Daran wäre nichts auszusetzen, wenn dabei Sprachlust und prosodische Erfahrung der Kinder angemessen berücksichtigt und integriert würden. Leider ist jedoch zu beobachten, wie Sprache von ihrem klanglichen Ursprung abgetrennt und die alleinige Vorherrschaft der Schriftform gilt. Solange die Pädagogik die Einheit von gesprochener und geschriebener Sprache übersieht, müssen Kinder schriftsprachliche Konventionen und Regeln kognitiv verarbeiten und daraus in eigener Regie Sprachgefühl entwickeln. Einem Teil der Kinder gelingt das tatsächlich. Für alle anderen stellt Rechtschreibung eine Ansammlung lästiger Regeln und Merksätze dar, die den Anschein orthografischer Willkür vermitteln und eingepaukt werden müssen.

Lesen durch Schreiben | Beispielhaft erleben wir das bei vielen Kindern, die nach der Methode Lesen durch Schreiben unterrichtet werden. Bei allem Respekt vor dieser Methode, die ja oft gute Leser hervorbringt, ist ihre Weichenstellung für die Rechtschreibung problematisch. Sie lässt die Kinder ausschließlich auf der phonologischen Ebene Laute in Buchstaben nach dem Eins-zu-eins-Prinzip übersetzen, bis sie sicher lesen können, was orthografisch falsch ist, weil die Verbindung von Rechtschreibung und Prosodie nicht angebahnt wird. Da jedes falsch geschriebene Wort „richtig“ ist, wird die Wahrnehmung der Kinder für prosodische Rechtschreibung nicht geschult. Die Berührung mit verschriftetem Sprachklang ist in dieser prägenden Phase schlichtweg nicht vorgesehen.
Die nachträgliche Einführung der Regelschreibung wird zum kognitiven Spagat, wenn sie es versäumt, diese aus dem Sprachklang heraus zu entwickeln. Wird Regelschreibung ohne sinnlichen Nachvollzug nur im Kopf verstanden, so hat sie es schwer, in „Fleisch und Blut“ überzugehen.

Wenn Kinder jedoch schriftsprachliche Muster Hand in Hand mit deren auditiven Qualitäten erforschen können, wird der Boden für intuitives Lernen jenseits aller kognitiven Anstrengung bereitet! Solche Arbeit ist keineswegs nur ausgebildeten Musikpädagogen vorbehalten. Mit der Betonungshand und der RE-Form stehen jeder Lehrkraft zwei Arbeitsmittel zur Verfügung, die Prosodie und Sprachstruktur gleichermaßen berücksichtigen und auf sehr einfache Weise integrieren. Die auditive (sprechende) Betonungshand mit ihren zwei ausgestreckten Fingern setzt am Vertrauten an, indem sie die klanglichen Aspekte der Sprache hervorhebt. Die RE-Form übersetzt diese prosodischen Muster in visuelle Schriftcodemuster und vermittelt so den kognitiven Aspekt der Regelschreibung.

Von der verlässlichen Eindeutigkeit prosodischer Muster profitieren auch „unmusikalische“ Kinder. Die Gänsefüßchen sollen darauf hinweisen, dass sich Musikalität immer entfaltet, wenn Kinder aktiv zu Klang und Rhythmus in Beziehung treten. Eindrucksvoll belegen das z.B. die Orchesterprojekte mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen in Lateinamerika, festgehalten in dem Dokumentarfilm „El Sistema“. Auch die Arbeit des Dirigenten Simon Rattle lässt aufhorchen, gelang es ihm doch in einem nur sechswöchigen Projekt, mit Schülern zumeist aus Berliner „Problemschulen“ und ohne jede musikalische und tänzerische Vorbildung, Strawinskys „Sacre du printemps“ auf die Bühne zu bringen („Rhythm is it“).
Für die Wahrnehmung prosodischer Muster ist es nicht notwendig, klassische Meisterwerke auf hohem Niveau zu erarbeiten. Wenn Kinder jedoch, wie heute üblich, Klang und Rhythmus nur noch rezeptiv statt produktiv begegnen, wenn Musikunterricht an unseren Schulen zunehmend ins Abseits gerät, und wenn auch noch der Deutschunterricht die Einheit von Prosodie und Rechtschreibung übersieht, lässt sich Sprachgefühl nur schwer entwickeln.

Gute Rechtschreibung hat ihren Platz im Ohr! Im Tübinger Orthografie-Programm zieht sich die Arbeit mit der sprechenden Betonungshand wie ein roter Faden durch alle Lektionen und Formate. Das bewusste Modulieren der Stimme und die prosodische Unterscheidung betonter und unbetonter Silben werden durch synchrones Antippen der Finger auf die Körperebene projiziert. Der hoch erhobene Zeigefinger „demonstriert“ die betonte Silbe in aller Eindeutigkeit, der rangniedrigere Daumen die unbetonte Schlusssilbe. Daumen und Zeigefinger bilden eine Zwei und stellen so das trochäische Grundmuster deutscher Wörter dar.

Mehrsilbige Wörter passen nicht ins trochäische Grundmuster. Dennoch lassen sie sich in die Betonungshand integrieren. Dazu müssen auch noch die Grundgelenke von Mittelfinger, Ringfinger und Kleinfinger einbezogen werden. Solche erweiterten Muster zeigen an, dass wir das Hoheitsgebiet der deutschen Rechtschreibung verlassen haben. Nun gelten Fremdwortschreibungen.
Auch Fremdwörter haben eine eindeutige Betonungsstruktur. Auch hier ist die vorletzte Silbe betont (Zeigefinger) und die letzte unbetont (Daumen). Bei mehrsilbigen Wörtern müssen die zusätzlichen Finger unbedingt eingerollt bleiben, sodass nur deren (tieferliegende) Knöchel berührt werden. Würden wir Mittelfinger, Ringfinger und Kleinfinger aufstellen, so würde das Betonungsmuster verzerrt werden.

Im Tübinger Orthografie-Programm werden die Kinder von Anfang an auf die Betonungshand „geprägt“, auch wenn die Regelschreibung zunächst noch keine Rolle spielt. Wenn die spielerisch-lustvolle Exploration prosodischer Muster frühzeitig angebahnt wird, vollzieht sich der Schritt in die Regelschreibung später ohne kognitive Komplikationen.
Für viele Lehrkräfte ist solche Arbeit jedoch gewöhnungsdedürftig. Der Klang der Sprache stellt eine sinnliche Qualität dar, die nicht logisch-rational erlernbar ist. Bei dem Versuch, klangliches Erleben zu be-schreiben, stoßen auch Autoren an Grenzen. Das Medium Buch kann sich Klangphänomenen nur annähern, sie aber niemals authentisch wiedergeben. Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass die pädagogische Fachliteratur die Thematik der Prosodie insgesamt ausgrenzt – leider mit schwerwiegenden Folgen!

Die TOP-Startseite fällt mit der Tür ins Haus. Hier finden sich Wortpaare wie Latte und Laterne oder Elle und Element.  Wenn Kinder Latterne oder Ellement schreiben, realisieren sie, dass der jeweiligen Verdopplung ein kurzer Vokal vorausgeht. Oft können Lehrerinnen nicht erklären, warum die Verdopplung an dieser Stelle falsch ist. Die Kinder werden mit der richtigen Schreibweise eines Besseren belehrt, nicht aber mit dem dahinter liegenden prosodischen Muster.

Dabei liegt die Lösung auf der Hand, oder besser gesagt in der Hand: Längenregeln gehören in die betonte Zeigefingersilbe! In unbetonten Silben sind Vokale immer kurz und bedürfen keiner zusätzlichen Regelkürzung.

 


Barbara Heuberger | Lizenzversion CC-BY-SA


ο Der rote Faden

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