GL | Satzfelder

Sätze in Felder aufzugliedern, ist nicht neu. Bereits Mitte des letzten Jahrhunderts entwickelte der Sprachforscher Erich Drach ein Drei-Felder-Modell, in dessen Zentrum das gebeugte (finite) Verb stand.
Neuere Entwicklungen sehen jedoch die Zweitieiligkeit des Verbs als Standard. So entstehen Satzfelder mit einem vorangelegten linken und einem rechten Verbfeld als Satzklammer.

Der König | In TOP ist das finite Verb der König im Satz. Wie es sich für einen König gehört, ist er einmalig in seiner Erscheinungsform (Personalform im Präsens oder Präteritum). Als Sanduhr dargestellt, verweist er auf den Zauberspruch „Dreh doch mal die Sanduhr um vom Präsens ins Präteritum!“ aus der TOP-Geschichte Die Sanduhr.
Als Vollverb erledigt der König alle grammatischen Amtsgeschäfte alleine. Neben seiner formalen Erscheinungsform prägt er dem Satz, seinem Königreich, auch seine individuelle Persönlichkeit auf, seine Bedeutung. Und die fordert – je nach Ausprägung – Erweiterungen unterschiedlichster Art. Damit kommen die Satzglieder ins Spiel. In den folgenden Beispielen hinterlässt ihr Fehlen fragwürdige Satzfragmente:

  1. Der Gärtner | schläft |.
  2. Der Gärtner | findet | … (was?)| .
  3. Der Gärtner | hilft | … (wem?)| .
  4. Der Gärtner | erzählt | … (wem?, was?)| .
  5. Der Gärtner | bedarf | … (wessen?)| .
  6. Der Gärtner | wohnt | … (wo?)| .

 

  Vor-
feld
Linkes
Verbfeld
Mittel-
feld
Rechtes
Verbfeld
Nach-
feld
1. Der Gärtner schläft
schlief
2. Der Gärtner findet
fand
eine alte Münze.
3. Der Gärtner hilft
half
seinem Sohn.
4. Der Gärtner erzählt
erzählte
seinem Sohn
eine Geschichte.
5. Der Gärtner bedarf
bedurfte
des Zuspruchs.
6. Der Gärtner wohnt
wohnte
im Gartenhaus.

 

Die Königin | Es gibt Könige, die ihre Macht aufteilen. Auch in Sätzen ist das Prinzip der Gewaltenteilung zu beobachten. Ist z.B. nicht ein Vollverb, sondern ein Hilfsverb König, so tritt die Königin auf den Plan. Sie ist im Gegensatz zum König infinit, d.h. unveränderbar. Alles Finite (Personalform im Präsens oder Präteritum) belässt sie beim König. Ihre Domäne ist die Semantik. Als bedeutungstragendes Verb ist sie es nun, die neue Satzglieder aufruft.

  1. Er | hat | (-) | geschlafen |.
  2. Er | hatte | …. | gefunden |.
  3. Er | ist| …. | gefahren |.
  4. Er | war | …. | gereist |.
  5. Er | wird | …. | bezichtigen |.
  6. Er | wird | …. | gewohnt haben |.

 

  Vor-
feld
Linkes
Verbfeld
Mittel-
feld
Rechtes
Verbfeld
Nach-
feld
1. Er hat geschlafen.
2. Er hatte eine alte Karte gefunden.
3. Er ist
zu seinem Sohn
nach Berlin
gefahren.
4. Er war in die Krisenregion gereist.
5. Er wird seinen Nachbarn
des Diebstahls
bezichtigen.
6. Er wird in einem Schloss gewohnt
haben
.

 

Die Zacke aus der Krone | Zusammengesetzte Verben beginnen mit einem abtrennbaren Präverb (auf|stehen, kalt|stellen, groß|schreiben …). Im Satz erscheint das Präverb niemals im linken Verbfeld. Als „Zacke aus der Krone“ kann es nur das rechte Verbfeld besetzen. Dort bleibt es funktional und semantisch mit dem König verbunden, bzw. es verbindet sich an Ort und Stelle mit der Königin.

  1. Sie | kauft | … | ein |.
  2. Sie | hat | …. | ein|gekauft |.
  3. Sie | ist | …. | los|gefahren |.
  4. Sie | war | …. | an|gereist |.
  5. Sie | wird | …. | auf|stehen |.
  6. Sie | wird | …. | auf|gestanden sein|.

 

  Vor-
feld
Linkes
Verbfeld
Mittel-
feld
Rechtes
Verbfeld
Nach-
feld
1. Sie kauft Obst ein.
2. Sie hat auf dem Markt ein|gekauft.
3. Sie ist heute Morgen los|gefahren.
4. Sie war aus Kanada an|gereist.
5. Sie wird demnächst auf|stehen.
6. Sie wird bald auf|gestanden
sein.

 

Das Vorfeld | Genau ein Satzglied (Einzelwort oder Wortgruppe) hat hier Platz. Häufig, aber nicht zwingend, handelt es sich dabei um das Subjekt des Satzes, jenem Satzglied, das mit dem König aufs Engste verbunden ist und ihm im wahrsten Sinne des Wortes „nahesteht“.
Die Kongruenz zwischen Subjekt und finitem Verb bildet die Grundlage der Konjugation. Diese funktionale Verbundenheit spiegelt sich in der räumlichen Verbundenheit.

Das Mittelfeld | Wenn ein anderes Satzglied das Vorfeld besetzt, taucht das Subjekt in aller Regel im Mittelfeld gleich hinter dem Verb auf. Im Mittelfeld stehen ferner alle anderen Satzglieder, die es unterzubringen gilt. Theoretisch gibt es dabei keine Begrenzung, stilistisch allerdings schon.
Vorfeld und Mittelfeld stehen in durchlässigem Austausch. Was besonders hervorgehoben werden soll, erscheint in der Pole-Position des Vorfelds.

Luftballon und Stecknadel | Satzglieder können sehr komplex sein. Man kann sie aufblasen wie einen Luftballon, indem man ihren nominalen Kern mit Attributen erweitert.
Luftballons kann man aber auch platzen lassen. Die grammatische „Stecknadel“ kann ein Pronomen oder ein Adverb sein. Pikst es in einen Luftballon, ist nicht nur das nominale Kernwort weg, sondern auch dessen attributiver Hofstaat.

  1. Meine ehemalige Nachbarin und beste Freundin | kauft | am liebsten auf dem Wochenmarkt frischen Fisch | ein |.
  2. Sie | kauft | am liebsten auf dem Wochenmarkt frischen Fisch | ein |.
  3. Sie | kauft | ihn am liebsten auf dem Wochenmarkt | ein |.
  4. Am liebsten | kauft | sie ihn dort | ein |.

 

  Vor-
feld
Linkes
Verb-feld
Mittel-
feld
Rechtes
Verb-
feld
Nach-
feld
1. Meine ehemalige Nachbarin und beste Freundin kauft am liebsten
auf dem Wochenmarkt
frischen Fisch
ein.
2. Sie kauft am liebsten
auf dem Wochenmarkt
frischen Fisch
ein.
3. Sie kauft ihn
am liebsten
auf dem Wochenmarkt
ein.
4. Am liebsten kauft sie
ihn
dort
ein.
5. Fisch kauft sie
am liebsten
dort
ein.
6. Auf dem Wochenmarkt kauft sie
am liebsten
Fisch
ein.
7. Dort kauft
sie
ihn
am liebsten
ein.

 

Das Nachfeld befindet sich außerhalb der Verbenklammer. Dort hat alles „Ausgklammerte“ Platz. Häufig handelt es sich dabei um satzwertige Wortgruppen mit finitem Verb in Endstellung. Auch sie kann man, da sie Satzglieder sind, nach dem Luftballon-Stecknadelprinzip erweitern, verkürzen oder ins Vorfeld übertragen.
Die folgenden Sätze lassen ein wichtiges Prinzip der Kommasetzung erkennen: Wenn zwei Könige in einem Satz vorkommen, müssen sie ihre Reiche voneinander abgrenzen. Logisch, oder?

  Vor-
feld
Linkes
Verb-
feld
Mittel-
feld
Rechtes
Verb-
feld
Nach-
feld
1. Opa backt einen Kuchen
für Oma,
wenn sie Geburtstag hat.
1.1 Wenn Oma Geburtstag hat, backt
Opa einen Kuchen für sie.
1.2 Dann backt
er einen Kuchen für sie.
2. Oma kocht für Opa Kaffee, weil er sich darüber freut.
2.1 Weil Opa sich darüber freut, kocht
sie Kaffee für ihn.
2.2 Deshalb kocht
Oma Kaffee für ihn.
3. Oma weiß nicht, dass Opa lieber Tee mag.
3.1 Dass Opa lieber Tee mag, weiß sie nicht.
3.2 Das weiß
sie nicht.

 

 

 

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