Großschreibung

Großschreibung1Kirchtürme sind Hingucker. Du siehst sie schon von weitem und weißt sofort: Hier bieten sich Gelegenheiten – Einkehr und Stille, bunter Dorfalltag, ein Imbiss beim Bäcker gegenüber …

Kirchtürme gibt es auch in Sätzen: die Großschreibung. Sie markiert die Kerne nominaler Satzglieder, die Schlagzeilenwörter. Beim Lesen kannst du „von Kirchturm zu Kirchtum“ springen und weißt sofort, worum es geht.

Großschreibung ist eine Lesehilfe. Für Schreibende kann sie allerdings eine echte Herausforderung sein, wenn ihre Funktion hinter Ansagen wie „Nomen schreibt man groß“ verborgen bleibt. Aber sieh selbst …

 

Das TOP-Video zur Großschreibung auf Youtube

 

Nomen schreibt man groß – aber nicht immer! 😥

die Angst
das Kreuz
das Leid
der Kopf
der Trotz
die Kraft
die Schuld
die Pleite
der Teil
der Morgen
Mir war angst und bange.
Er fuhr kreuz und quer.
Ich bin es leid.
Alles steht kopf.
Sie kam trotz des Nebels.
Er entschied kraft seines Amtes.
Du bist schuld daran.
Sie sind pleite.
Wer nimmt teil?
Ich freue mich auf morgen.

Bei den Beispielen dieser Liste führt die Artikelprobe zu falschen Ergebnissen. Warum? Keins erfüllt die Voraussetzung für die Großschreibung, d.h., keines bildet den Kern einer Nominalgruppe.

Großschreibung ist keine Frage der WORTART, sondern der FUNKTION.

Als Lesehilfe markiert Großschreibung
Satzanfänge (Satz als geschlossene Sinneinheit)
Namen/Eigennamen
die Kernwörter nominaler Wortgruppen im Satz (Schlagzeilenwörter)

 

Hund beißt Briefträger | Typisch Schlagzeile! Auf einen Blick springt uns die Information an. Kommen noch weitere nominale Kernwörter wie Gartentor, Bein, Krankenhaus ins Spiel, ist die Story eigentlich schon perfekt.
Das zeigt auch der folgende Text, den ich mal ein bisschen vorsortiert habe. Erst kommt alles Kleingeschriebene und anschließend das Großgeschriebene. Beachte den unterschiedlichen Informationsgehalt der beiden Passagen!

1. Alles Kleingeschriebene
ist stolz auf seine phänomenalen sie erleichtern vielen gestressten ihr im lässt sich mühelos mit magischer bewältigen wer einschläfernde präsentieren muss erzeugt mit höchste aufsässige wandeln sich dank in freundliche und mit lassen sich sogar lästige mühelos schließen arbeiten mit höchster ohne und 

In dieser Passage bekommst du eine vage Vorstellung, worum es gehen könnte. Allerdings könnten viele unterschiedliche Vermutungen zutreffen.

2. Alles Großgeschriebene
Professor Knall Erfindungen Pädagogen Geschäft Lärm Klassenzimmer Knalls Trällerpfeife Texte Knalls Räusperfon Spannung Bengel Knalls Lämmerspray Schelme Knalls Entdämmerer Gedächtnislücken Knalls Präparate Präzision Risiken Nebenwirkungen

Die Kernwörter dieser Passage liefern dir alle spezifischen Hinweise zum Inhalt des Textes.

3. Alles
Professor Knall ist stolz auf seine phänomenalen Erfindungen. Sie erleichtern vielen gestressten Pädagogen ihr Geschäft. Lärm im Klassenzimmer lässt sich mühelos mit Knalls magischer Trällerpfeife bewältigen. Wer einschläfernde Texte präsentieren muss, erzeugt mit Knalls Räusperfon höchste Spannung. Aufsässige Bengel wandeln sich dank Knalls Lämmerspray in freundliche Schelme. Und mit Knalls Entdämmerer lassen sich sogar lästige Gedächtnislücken mühelos schließen. Knalls Präparate arbeiten mit höchster Präzision ohne Risiken und Nebenwirkungen.

 

Zur Geschichte der Großschreibung | In anderen Sprachen wird das meiste kleingeschrieben. Warum das bei uns anders ist, erschließt sich aus der historischen Perspektive.

Johannes Gutenberg erfand um ca. 1400 den Buchdruck. Damit war es erstmals möglich, in vergleichsweise kurzer Zeit Druckerzeugnisse in Umlauf zu bringen. Doch waren nicht genügend Menschen in der Lage, sie zu lesen. Um die Produkte vermarkten zu können, experimentierten die Buchdrucker mit der Lesbarkeit der Texte („Layout“):

1. Einführung der Leerräume zwischen den Wörtern (Spatien)

ο Vorher:
texteohneleerzeichenzwischendenwörternsindschwerzulesenundsoverliertmanschnelljede motivationdieseanstrengungübereinenlängerenzeitraumaufsichzunehmen

ο Nachher:
texte ohne leerzeichen zwischen den wörtern sind schwer zu lesen und so verliert man schnell jede motivation diese anstrengung über einen längeren zeitraum auf sich zu nehmen

2. Einführung der Großschreibung zur Markierung der Kernbegriffe

ο Vorher:
modernes lesen setzt eine gute optische gliederung der texte auf jeder ebene voraus vom layout der seite bis zur orthografischen optimierung der wortschreibungen

ο Nachher:
Modernes Lesen setzt eine gute optische Gliederung der Texte auf jeder Ebene voraus vom Layout der Seite bis zur orthografischen Optimierung der Wortschreibungen

3. Einführung der Interpunktion zur Markierung der Satzstruktur/Satzgrenzen

ο Vorher:
Neben der Großschreibung die auf die nominalen Kernwörter verweist erfüllt auch die Inter
punktion eine wichtige Aufgabe bei der Steuerung der Augenbewegungen

ο Nachher:
Neben der Großschreibung, die auf die nominalen Kernwörter verweist, erfüllt auch die Interpunktion eine wichtige Aufgabe bei der Steuerung der Augenbewegungen.

Übrigens: Das Wort Fibel, Leselehrwerk für Leseanfänger*innen, ist abgeleitet von Bibel. Die war lange Zeit das einzige verfügbare „Lehrwerk“ zum Lesenlernen.

 

Wer die Großschreibung erfolgreich meistert, orientiert sich nicht an Wortarten, sondern an Satzstrukturen.

Probier mal!
Der folgende Text ist voller Wörter, die es nicht gibt. Die Aufgabe:
Überarbeite den Text mit korrekter Groß- und Kleinschreibung!
Unmöglich? Lass dich überraschen!

Paul, der pattelquonk
Gestern mickte paul keinen palligen pog. Er bömpte ein rompfiges schnuckeldickchen schipfen,
aber er tuckte giggelich nach einem supfelgamp zum stringeln. Beim auflützeln der rommeltümpe duppte der knoffige kruppelping ab. Vor lauter quax verstipste paul, vor dem pümpfen das tattiche mall zu sprauzen. Und so blempte nach dem quickeln das püfferne schnuckeldickchen wieder krümpisch.

(Die Auflösung findest du hier.)

 


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