ZLG | Rumpelstilzchen

Nein, so einfach ist Rumpelstilzchen nicht aus der Welt zu verbannen. Leider treibt es erneut sein Unwesen mit der Unwissenheit …

„Heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hole ich der Königin ihr Kind!
Ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Tja, da hatte sich das boshafte Männchen getäuscht. Die Königin ließ nämlich nichts unversucht, um sein Namensgeheimnis zu lüften und ihr Kind zu behalten. Als sie schließlich fragte: „Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“, da erst bemerkte es seine Niederlage.

War es nun etwa traurig? Oder vielleicht verärgert? Oder gratulierte es der Königin gar zu ihrem Sieg? Nein! Das Rumpelstilzchen war ein schlechter Verlierer. Es wurde wütend und stampfte so fest mit dem Fuß auf, dass es ein Loch in die Erde schlug und darin versank.

Die meisten Leute glauben, nun wäre alles wieder gut. Das stimmt leider nicht, denn wie wir wissen, ist die Herzlosigkeit ja immer noch nicht ausgestorben.

Rumpelstilzchen saß also tief in der Erde in seinem Loch, wütend, heulend, polternd. Im Königsschloss klirrten in dieser Zeit oft die Kronleuchter, und manchmal wackelte sogar der königliche Thron.

Wenn Rumpelstilzchen gerade mal nicht wütete und polterte, dachte es darüber nach, wie das Leben jetzt weitergehen sollte. Alle kannten ja nun sein Geheimnis, seinen Namen. Rumpelstilzchen hatte seine Macht verloren. Wenn es doch nur irgendetwas fände, was niemand wusste! Niemand – außer ihm selbst natürlich!  Aber wie es auch nachdachte und grübelte, nichts wollte ihm einfallen, und darüber wurde es wieder so wütend, dass der König und die Königin fast aus ihren Betten fielen.

Drei Jahre lang ging das so. Da beschloss Rumpelstilzchen endlich, aus seinem Loch hervorzukommen. Es buddelte sich nach oben und stand schließlich – geblendet vom Tageslicht – genau vor der Schlossmauer. Nach und nach gewöhnten sich seine Augen an die Helligkeit, und so dauerte es nicht lange, bis es das Plakat an der Wand entdeckte. Was stand denn da in großen goldenen Buchstaben?

Die Könixtochter hat Geburztag!

Das musste der König geschrieben haben! Wer sonst durfte mit goldener Tinte schreiben? Fast wäre Rumpelstilzchen wieder wütend geworden, da es an die kleine Prinzessin erinnert wurde. Aber irgendetwas lenkte seinen Blick erneut auf die goldenen Buchstaben. Und plötzlich hellte sich sein Gesicht auf – jedoch nicht vor Freude, o nein, das war die reine Schadenfreude.

Hatte Rumpelstilzchen nicht drei Jahre lang nach etwas gesucht, was niemand beherrschte? Hier an der Schlossmauer hing die Antwort. Der König mochte zwar über sein Königreich herrschen, über das Reich der Buchstaben herrschte er jedenfalls nicht!
Wenn aber nicht einmal der Köng wusste, wie man die Wörter richtig schreibt, wie sollten es dann die einfachen Leute wissen? So wie niemand Stroh zu Gold spinnen konnte, so konnte bestimmt auch niemand Wörter in die richtigen Buchstaben setzen. Niemand – außer Rumpelstilzchen!

Noch am selben Tag war es. Der König und die Königin verzehrten gerade ihre Fischstäbchen, als ein Bote hereinplatzte. Atemlos berichtete er von einem Männchen, das immerzu um das Königsschloss herumtanzte und dabei sang:

„Wenn du nur deinen Ohren traust
und nicht auf die Bedeutung schaust,
dann hast du sicher nicht entdeckt,
was alles in den Wörtern steckt!
Ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!“

Während der König etwas ratlos dreinsah, wusste die Königin sofort, was das zu bedeuten hatte. Schon einmal hatte sie den Sieg über Rumpelstilzchen davongetragen. Und so würde sie auch diesmal nichts unversucht lassen, um das Geheimnis des Männchens zu lüften, das Geheimnis der Buchstaben. Und sie würde es allen Menschen im ganzen Land verraten!

Barbara Heuberger | Lizenzversion CC-BY-ND

 

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